Heuanalyse: Gefürchtet, falsch verstanden, aber unverzichtbar
Ein Gastbeitrag von Claudia Horstkötter, futterplanschmiede
Heuanalysen werden (insbesondere von Stallbetreibern) oftmals gefürchtet und die Intention dahinter völlig falsch verstanden. Aus diesem Grund möchte in diesem Blogbeitrag aufklären, was wirklich hinter dem Wunsch einer Heuanalyse steckt und warum ich glaube, dass es heutzutage eigentlich fahrlässig ist, keine Heuanalyse machen zu lassen. Wenn du bisher der Meinung warst, dass du keine Heuanalyse brauchst oder die Intention dahinter ist, das Heu schlecht zu machen, dann lies unbedingt bis zum Ende.
Vorurteile und missverständnisse
Ein Satz, den ich oft im Zusammenhang mit Heuanalysen höre, ist:
„Eine Heuanalyse brauchen wir nicht. Unser Heu ist super, da gab es auch noch nie Probleme.“
Genau diese Aussagen zeigen mir, dass Stallbesitzer das Prinzip Heuanalyse völlig falsch verstanden haben. Oft besteht das Vorurteil, dass wir das Heu mithilfe einer Analyse schlecht machen wollen. Dem ist aber gar nicht so, zumindest nicht im Rahmen einer Futterberatung.
Um das zu verstehen, schauen wir, was wir überhaupt analysieren können: Hygienestatus, Energiegehalt und Nährstoffe.
Hygienestatus
Beim Hygienestatus wird das Futter auf seine Tauglichkeit untersucht, spricht die im Futter enthaltenen Hefen, Schimmelpilze und Bakterien. Zusätzlich wird die Trockensubstanz ausgegeben, das heißt, wie hoch die Restfeuchte im Heu ist. Je feuchter das Futter ist, desto höher die Gefahr, dass sich Schimmelpilze oder Bakterien bilden.
Den Hygienestatus untersuchen wir im Rahmen einer Futterberatung nur dann, wenn das Heu einen guten und sauberen Eindruck macht, mehrere Pferde aber Symptome von Atemwegsproblemen zeigen. Die Heuanlayse soll zeigen, ob der optische und olfaktorische Eindruck eventuell täuschen und unerklärliche gesundheitliche Probleme vorliegen.
Ist das Heu offensichtlich schlecht und schimmelig, ist dies in der Regel durch Optik, Haptik und Geruch bereits gut zu beurteilen. Die Intention der Heuanalyse ist somit nicht, das Heu schlecht zu machen, sondern vorhandene Krankheitszeichen abzuklären.
Energiegehalt
Der Energiegehalt im Heu kann sehr stark schwanken. Im Jahr 2025 lagen die Werte beispielsweise zwischen 5,9MJ und 8,1 MJ je Kilogramm Heu liegen. Besonders für leichtfuttrige Pferde kann es entscheidend sein zu wissen, wie viel Energie im Futter enthalten ist.
Ein Beispiel: Nehmen wir mal an, wir haben einen Haflinger mit rund 500 kg Körpergewicht, der einen Energiebedarf von rund 45MJ pro Tag hat.
Wenn wir davon ausgehen, dass man pro 100 kg Körpergewicht mindestens 1,5 kg Heu füttert, entspricht das 7,5 kg Heu.
- Bei einem Energiegehalt von 5,9 MJ erreichen wir bereits genau den täglichen Energiebedarf.
- Hat das Heu einen Energiegehalt von 8,1 MJ, würden wir den Energiebedarf des Haflingers schon bei 7,5 kg um rund 30 % überschreiten. Er würde rund 60MJ pro Tag aufnehmen.
Das macht einen gravierenden Unterschied für den Besitzer, der in diesem Fall für deutlich mehr Bewegung sorgen müsste, um die Gesundheit seines Lieblings nicht durch Übergewicht zu gefährden.
Wenn der Besitzer den Energiegehalt des Heus kennt, kann er dies bei der Fütterung entsprechend berücksichtigen, die Bewegungsintensität steigern, sich gegebenenfalls eine Reitbeteiligung für zusätzliche Bewegung suchen oder die Heuportion mit Stroh strecken.
Ohne diese Kenntnis erkennen wir den Energieüberschuss erst, wenn der Haflinger deutlich an Gewicht zugelegt hat, was bereits gesundheitliche Folgen haben kann.
Der Wunsch, den Energiegehalt des Heus zu kennen, dient also ebenfalls nicht dazu, das Heu schlecht zu machen, sondern vielmehr dazu, zu schauen, wie viel Energie das Pferd über das Heu aufnimmt und wie viel Heu das Pferd überhaupt bekommen sollte.
Natürlich kann hier mal Verzweiflung aufkommen, wenn der Energiegehalt des Heus hoch ist, aber ich glaube, es dürfte jedem bewusst sein, dass auch der Stallbetreiber nicht unbedingt Einfluss auf den Energiegehalt hat. Trotzdem ist es ja eine Tatsache, dass sehr hohe Energiegehalte Mehraufwand für den Pferdebesitzer bedeuten. Schließlich muss er schauen, wie er die überschüssige Energie durch Bewegung wieder wegbekommt. Das Wissen, dass überschüssige Energie vorhanden ist, gibt ihm aber die Möglichkeit, überhaupt zu reagieren und die Gesundheit von leichtfuttrigen Pferden zu schützen.
Es geht hier also nicht darum, Vorwürfe zu machen, sondern vielmehr darum, Wissen über die Futtersituation zu erlangen.
Nährstoffanalyse
Gleiches gilt im Übrigen für die Nährstoffanalyse. Diese liefert eine Übersicht, welche Mineralien und Spurenelemente in welcher Höhe im Heu enthalten sind. Auch hier gibt es kein richtig oder falsch. Wir sprechen von einem Naturprodukt und die Inhaltsstoffe sind unter anderem abhängig vom Wetter, dem Schnittzeitpunkt und den Bodenverhältnissen.
Das ist der Grund, warum ein Urteil über das Heu in diesem Bereich meines Erachtens gar nicht möglich ist. Es gibt nicht das perfekte Heu, mit dem man die Werte jetzt vergleichen könnte. Dementsprechend ist ein Urteil faktisch gar nicht möglich. In der Futterberatung geht es einzig und alleine darum zu schauen, welche Nährstoffe das Pferd bereits über das Heu aufnimmt, um darauf die weitere Fütterung abzustimmen und z. B. ein Mineralfutter auszuwählen, das die Defizite oder Überschüsse an Nährstoffen im Heu in Bezug auf den individuellen Bedarf des Pferdes ausgleicht.
Der individuelle Bedarf eines Pferdes wiederum ist abhängig von mehreren Faktoren abhängig:
- Alter
- Rasse
- Gewichts- und Gesundheitszustand
- Haltungsform
- Bewegungsintensität
Das bedeutet: Heu kann niemals für jedes Pferd passen.
Das ist jedoch gar nicht der Anspruch.
Der Anspruch, den wir als Futterberater mit einer Heuanalyse verfolgen, ist vielmehr herauszufinden, wie viel von dem Heu ein Pferd aufnehmen kann und welches Futter man ergänzen sollte, damit der individuelle Bedarf des Pferdes gedeckt wird.
Zusammenfassung
Ich fasse das jetzt noch einmal kurz zusammen:
- Heu ist vor allem im Winter das Grundfutter unserer Pferde und mit dem Heu nehmen unsere Pferde bereits eine gewisse Menge Energie und verschiedene Nährstoffe auf.
- Darauf sollte die weitere Fütterung abgestimmt werden, um Über- oder Unterversorgungen zu vermeiden.
- Eine bedarfsgerechte Fütterung trägt zur Gesunderhaltung maßgeblich bei, weil der Körper nur dann gut funktionieren kann, wenn alle Nährstoffe in ausreichender Form vorhanden sind und keine Überschüsse aufwändig abgebaut werden müssen. Der Abbau von Überschüssen belastet nämlich Leber und Nieren.
- Mit der Heuanalyse ist man in der Lage, die Fütterung individuell auf das Pferd abzustimmen. Dadurch können wir die Gesundheit unserer Pferde aktiv beeinflussen.
Eine bedarfsdeckende Fütterung trägt maßgeblich zu einem vitalen, leistungsstarken und mental ausgeglichenem Pferd, mit gesunden Hufen, glänzendem Fell und guten Abwehrkräften bei.
Einwände und Bedenken
Häufig kommt das Argument, dass ja oftmals unterschiedliche Heuchargen vorhanden sind und man daher ja zig Analysen machen müsste. In diesem Fall ist eine Mischananlyse sinnvoll.
Natürlich bekommt man dann nur einen Mittelwert aus den Heusorten, aber das Pferd bekommt ja in der Regel auch den Durchschnitt der gefütterten Heu-Chargen. Ein Mittelwert von zwei bis drei Chargen ist immer noch deutlich besser als gar kein Wert und den Mittelwert der Lufa, der von mehreren Hundert Proben gezogen ist …
Was bedeutet bedarfsgerechte Fütterung?
Zum Schluss möchte ich jetzt noch erklären, warum ich glaube, dass es heutzutage einfach unverzichtbar ist eine Heuanalyse zu machen:
- Die Artenvielfalt der Wiesen ist durch den hohen Vertritt der Wiesen und die klimatischen Veränderungen einfach nicht mehr so gegeben wie früher, dies hat zur Folge, dass die Nährstoff-, Protein- und Energiegehalte sehr schwankend sind.
- Die Bedürfnisse unserer Pferde haben sich sehr gewandelt: Unsere Pferde haben heutzutage einen deutlich geringeren Energieverbrauch als früher, als sie noch den ganzen Tag in die landwirtschaftliche Arbeit oder den Kutschdienst eingesetzt wurden und im Winter etwa nicht eingedeckt wurden. Viele Freizeitpferde kommen mit der Bewegung aus den Haltungsformen und durch den Menschen nicht oder kaum über den Erhaltungsbedarf hinaus.
Nährstoff- und Proteinmangel bei gleichzeitiger Energieüberversorung sind daher inzwischen keine Seltenheit und können zu enormen gesundheitlichen Problemen führen. Mit einer Heuanalyse kann man dem vorbeugen, die Ration art- und bedarfsgerecht gestalten und damit gesundheitliche Problemen vermeiden.
Wenn wir das Ganze jetzt unter diesem Aspekt betrachten, dann geht es bei der Heuanalyse in keinster Weise darum, das Produkt schlecht zu reden oder jemanden für fehlende oder überschüssige Inhaltsstoffe verantwortlich zu machen. Vielmehr geht es darum, den Status Quo des jeweiligen Heus zu kennen, um das wiederum mit den individuellen Bedarfswerten des Pferdes abzugleichen.
Die Heunanalyse dient also lediglich der Rationsoptimierung und Gestaltung und der Gesunderhaltung eines Pferdes und nicht dazu irgendwem Vorwürfe zu machen. Ich will natürlich nicht immer rausnehmen, dass es mit dem Wissen der Inhaltsstoffe leicht wird – auch das kann natürlich an der ein oder anderen Stelle zu Herausforderungen führen, die im Futtermanagement berücksichtigt werden müssen und das ist leider für alle Parteien anstrengend. Aber nicht hinzuschauen und das Problem nicht zu kennen löst es ja auch nicht. Am Ende des Tages ist das Pferd der Leidtragende und somit indirekt der Besitzer.
Ich möchte daher vor allem an alle Stallbesitzer appellieren: Macht eine Heuanalyse und legt die Kosten dafür ggf. auf alle Einsteller um, aber dann ist es für alle nur ein kleiner Betrag, von dem alle profitieren können. Sucht euch ggf. einen Futterberater aus der Nähe, der an euren Stall kommt und mit euch und den Einstallern das Ergebnis bespricht. Gemeinsam könnt ihr eine gangbare Lösungen und passende Ergänzungen zum Heu finden – der Gesundheit der Pferde zuliebe.
Transparenz und Prävention
Eine Heuanalyse macht nicht angreifbar, sondern bietet Transparenz und Gesundheitsprävention – und das Wohlbefinden unserer geliebten Pferde ist doch unser aller Wunsch.
Ich würde sogar so weit gehen, dass eine Analyse Pflicht sein müsste, wenn das Heu als Futtermittel verkauft oder eingesetzt wird – genau wie bei anderen Futtermitteln auch eine Deklaration, was drin steckt. Aber davon kann ich erstmal nur träumen. Aber du da draußen, du kannst die Pferdewelt ein Stückchen besser machen, wenn du die Heuanalyse nicht mehr verteufelst, sondern die wahre Intention dahinter erkennst und in die Welt trägst. Und wenn du noch Kritiker kennst – dann leite den Link zu diesem Beitrag gerne einmal weiter – für den Perspektivwechsel und für unsere Pferde.
Und das jetzt einmal alles hier geordnet und geballt einmal runterzuschreiben ist wie eine kleine emotionale Befreiung, weil das Thema so oft mit Kampf und Unverständnis verbunden ist in meinem Alltag als Futterberater.
Ich hoffe auch du konntest einmal die Perspektive wechseln und kannst verstehen, dass es mit der Analyse nicht darum geht, jemandem Vorwürfe zu machen – sondern einzig und allein den schwankenden Werten mit Wissen zu begegnen.
Wenn du jetzt noch mehr Infos zu Thema haben möchtest oder vielleicht einen kleinen Vortrag zum Thema am eigenen Stall organisieren möchtest (auch online möglich), dann melde dich gerne bei mir und buche dir einfach ein kostenloses Kennenlerngespräch: https://tidycal.com/horstkoetterclaudia/kennenlerngespraech
